Kastration – ja – nein – warum?

Kastration – ja – nein – warum?

Hallo Ihr Lieben,

heute versuche ich mich mal einem Thema zu nähern, welches komplex ist und immer und immer wieder heftigst diskutiert wird.

Auslöser war ein etwas aus den Fugen geratener Beitrag auf FB, wo es darum ging, dass ein Paar auf dem Campingplatz mit einer Hündin aufschlug, die das erste Mal und das seit sechs Tagen läufig war. Ein Rüde zwei Parzellen weiter, wurde von den Besitzern immer im Freilauf gehalten (natürlich war dies auf dem CP nicht erlaubt), der Stellplatz des Wohnwagens der Hündinnenbesitzer wurde von diesen eingezäunt. Nun entwickelte sich ein fröhliches Miteinander, der Rüde belagerte den Stellplatz, markierte sehr oft den Zaun und liess sich nicht mehr abrufen. (Warum auch, wird wahrscheinlich im normalen Leben auch viel Freiraum haben.) Irgendwann waren alle genervt.

Verständlich, für beide Seiten. Was sich aber darauf entwickelte war in dem Post auf FB eine wahre Hexenjagd als eine unbeteiligte Rüdenbesitzerin ihre Meinung kundtat, die da war: Finde ich unglaublich, eine läufige Hündin gehört nicht auf den Campingplatz!

Es brach schon fast ein Shitstorm über der Frau herein, ich konnte beim Lesen das Fremdschämen nicht gut unterdrücken. Es wurde unsachlich, ging unter die Gürtellinie, selbst mahnende Stimmen wurden ignoiert. Am Ende wollten die einen den Rüden und die anderen die Hündin kastrieren lassen, nur, das sei betont, weil sich beide Seiten vom jeweils anderen Hund belästigt fühlten.

Worauf hin ich mir mal wieder die Frage stellte, was es eigentlich mit dem Thema Kastration und deren Nutzen im Zusammenleben für den Hundehalter und vor allem für den Hund wirklich auf sich hat.

Warum lassen Menschen ihre Hunde kastrieren?

  • aus gesundheitlichen Gründen / dazu gibt es mittlerweile hinreichend Material / folgen Sie auch den Links im Text um sich ein Bild zu machen
  • aus erzieherischen Aspekten / auch hier ist mittlerweile hinlänglich belegt, dass eine Kastration Erziehung nicht ersetzt.
  • um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu erleichtern
  • und, zu guter Letzt, auch aus Bequemlichkeit.
  • wobei nicht auszuschließen ist, das hier der eine oder andere Punkt auch mehrfach bei einem Hund genannt wird.

Die Kastration des Hundes (Rüde/Hündin).

Vorab, ich bin keine Tierärztin, kann also aus gesundheitlicher Sicht nur auf die aktuellen Forschungen verweisen. Und den geneigten Leser bitten, der sich mit diesem Thema beschäftigt, meine Erfahrungen als das zu nehmen, was sie sind: Persönliche Erfahrungen, verbunden mit der Bitte zu überdenken, was für Sie der Grund für eine Kastration ist. Ich schildere hier einen Bruchteil an Erfahrungen aus bald 20 Jahren Zusammenleben mit mehreren Hunden – kastriert und unkastriert – einige Jahre davon bereits im gemischten Rudel.  Im Verlauf dieses Artikels werde ich dazu noch Links einstellen, die das Thema wissenschaftlich und/oder aus verhaltenstherapeutischer Sicht beleuchten. Das Lesen lohnt, wenn man sich vor einer Kastration seines Hundes informieren möchte.

Wie leben wir und warum sind dabei auch kastrierte Hündinnen?

Zur Zeit besteht unsere Gemeinschaft aus kastrierten und unkastrierten Hündinnen und einem potenten Rüden. Ist das Leben sonst in einer mehr oder weniger abgeklärten Gemeinschaft recht angenehm, verändert sich bei den Läufigkeiten natürlich einiges. Und, das nicht nur, weil wir einen intakten Rüden haben. Ist eine oder mehr als eine Hündin läufig haben wir so ca. 8 +/- Tagen (bei dem Zyklus von einer Hündin) wenig bis gar keine Schwierigkeiten, den Rüden und die Hündin auseinander zu halten, denn der Rüde weiß genau, wann es spannend wird. Er kontrolliert, spielt auch gern, aber läßt ansonsten die Mädels in Ruhe. Nicht immer die Mädels den Rüden, aber da sind alle etwas verschieden. Grundsätzlich kann man sagen, dass es die Mädels am liebsten miteinander treiben, der Rüde wird da eher etwas ausgeklammert.

Sind die Stehtage da, müssen wir trennen, keine Frage. Das dauert im Zweifelsfall (wieder bezogen auf eine Hündin) ca. fünf bis sieben Tage, dann fällt die Klappe und alles ist wieder gut. In der Zeit ist es aber für den Rüden anstrengend, er leidet, da gibt es nix drumrum zu reden. Er frißt schlecht bis gar nicht, nur durch Ablenkung, Einzelspaziergänge und ein bissl Training – ohne Weibsbilder im Hintergrund – kann man ihn etwas auflockern. Alle möglichen Mittel ihn zu beruhigen oder den Mädels den Eigengeruch zu nehmen, sind nicht wirklich von Erfolg gekrönt gewesen. Feststeht: Da müssen wir dann alle durch und es ist kein Spaß, aber, es könnte auch schlimmer sein.

Nachts schläft der Kerl allerdings, wie immer, in seiner geliebten Box (die liebt er wirklich) neben meinem Bett und sagt keinen Ton, egal bei welcher Phase der Läufigkeit. Er schläft einfach. Obwohl alle Mädels auch im selben Zimmer sind. Anfänglich waren wir der Meinung, dass die Trennung uns evtl. besser schlafen läßt, aber genau das Gegenteil war der Fall. Er ist am ruhigsten, wenn wir alle zusammen sind.

Zu unseren Mädels: Da wir auch züchten, wenn auch nur in kleinem Rahmen, ist eine Kastration naturgemäß kein Thema. Kastriert wurde eigentlich bei uns gar nicht, egal, ob in der Zucht oder nicht. Bis, ja, bis  zu dem Moment, wo wir große Probleme mit unserer damals 12jährigen Malinois-Hündin bekamen. Ich verkürze diese Geschichte. Sie fiel an einem Tag im Herbst in eine Art epileptischen Anfall. Diese Anfälle wiederholten sich, wenn sie wieder etwas zu Bewußtsein kam, ca. alle 10 Minuten. Wir sind mit wehenden Fahnen zu unserem Tierarzt, der erstmal ratlos war. Um den Hund nicht völlig versinken zu lassen, bekam sie schwere Medikamente und nach Stunden beruhigte sie sich langsam.

Es folgten Untersuchungen mit zwei dramatischen Ergebnissen. Schwerer Zucker und eine Gebärmutterentzündung, die dann später in eine Vereiterung überging. Wir mußten Insulin spritzen um den Zuckerwert halbwegs in den Griff zu bekommen, gleichzeitig gab es Antibiotika. Wenn der Zucker auf ein halbwegs normales Maß sinken würde, würde sie kastriert. Ein Risiko, eine alte, geschwächte Hündin zu operieren. Aber, Bambi war zäh. Sie hat die OP bestens überstanden und war ganz schnell wieder auf den Pfoten. Was aber noch viel überraschender war. Es gab einen Zusammenhang zwischen dem hormonellen Ungleichgewicht und dem Zucker. Nach der OP war der Zucker weg, sie mußte deswegen nie wieder behandelt werden und hatte noch zwei wirklich gute Jahre.

Wir haben daraus gelernt: Heute wissen wir, dass da ein direkter Zusammenhang besteht. Um die Hündinnen vor diesem Risiko zu schützen, wägen wir ab und lassen ggf. kastrieren. Für eine späte Kastration spricht für mich auch, dass das Risiko einer Gebärmutterentzündung steigt, weil das Gewebe des älteren Hundes nicht mehr so elastisch ist, und sich die Scheide, die während der Läufigkeit mehr geöffnet ist, danach nicht mehr so fest verschließt, was dazu führen kann, das Bakterien leichter in den Uterus eindringen können.

Link zum Thema: Zucker und unkastrierte Hündinnen

Fazit: Wir brauchen um zusammen zu leben, keine kastrierten Hunde. Es funktioniert auch so. Unseren Rüden interessieren läufige Hündinnen wirklich nur, wenn diese in den Stehtagen sind. Erst vor kurzem hat direkt er nach einer läufigen Hündin trainiert, die zudem noch auf dem Platz in Sichtweite anwesend war. Erst war er etwas unkonzentriert, aber, nachdem er es für sich geklärt hatte, dass da noch nix los ist, hat er seine Konzentration bei der Arbeit gehabt. Ja, bei uns dürfen läufige Hündinnen auch mittrainieren, warum auch nicht, sie sind ja nicht krank und die Arbeit hilft ihnen eher. Die wenigen Rüden, die anwesend sind, trainieren entweder am Anfang oder wie meiner, auch in direktem Kontakt, das kann er und hat er gelernt, er jammert nicht, sucht manchmal und schnüffelt, aber, meistens legt sich das innerhalb von kurzer Zeit und die Konzentration auf die Arbeit ist für mich immer ein sehr gutes Mittel für Jungs wie Mädels, sich abzulenken und Spaß zu haben. Auf den Agi-Turnieren kommt man an diesem Thema eh nicht vorbei, also gehe ich als Hundesportlerin diesem Thema auch nicht aus dem Weg.

Was ist noch spürbar während eines Zykluses der Hündin?

Auch haben wir Hündinnen, die sich in der Zeit der Läufigkeiten verändert haben. Deutliche Scheinträchtigkeiten waren nie unser Thema, aber trotzdem haben die Mädels damit zu tun. Legen sie im gesamten Temperament und ihrer Spiel- und Arbeitsfreude vor der Läufigkeit immer weiter zu, ändert sich dies teilweise massiv in der Zeit danach. Sie sind ruhiger, es wird auch schlechter gefressen und die Tage scheinen immer ein wenig grauer zu sein. Sind die zwei Monate der imaginären Trächtigkeit überstanden, ist die Welt wieder rosig und das Fressen schmeckt.

Vor vielen Jahren bei meiner ersten Parson-Hündin, die sehr selbstbewußt war, habe ich das Thema lange hin und her geschoben und auch mit meinem Tierarzt besprochen. Damals gab es diesen Trend, der aus den USA rüberschwappte, Hündinnen noch vor der ersten Läufigkeit kastrieren zu lassen. Das war mir schon immer unheimlich. Denn ich habe bisher bei jeder meiner Mädels bemerkt, wie sie sich von Läufigkeit zu Läufigkeit verändert haben, erwachsener und stabiler in ihrem ganzen Verhalten und Wesen wurden. Und, das sollte ich ihnen nehmen? Warum? Ich möchte einen erwachsenen, selbstbewußten Hund an meiner Seite und kein Dauer-Baby. Glücklicherweise gibt es heute auch genügend Hinweise und Untersuchungen, dass man auf diesen Trend nicht zwingend mehr aufspringen muss. Mein Tierarzt brachte dann noch ein Argument, welches mich endgültig davon Abstand nehmen ließ: die kastrierte Hündin verändert sich durchaus in ihrem Wesen, besonders bei einer selbstbewußten Dame kann noch ein bißchen was drauf kommen, was nicht immer so angenehm sein muss. Und, ich kann bestätigen, dass Hazel, als wir sie mit 10 Jahren kastrieren ließen, deutlich grummeliger wurde.

Auch diese meine Beobachtungen finden sich in den verlinkten Artikeln wieder.

Ein für mich immer wichtiges Thema: Die Veränderung des Wesens bei einem Kastraten. Dies wird häufig unter den Tisch gekehrt. Fast jeden, den man fragt, sagt: Alles wie immer! Finde ich schon erstaunlich, wenn ich einen Hund mit sechs Monaten oder einem Jahr kastrieren lasse, dies so festzustellen. Als ich früher oft am Grunewaldsee spazieren war, war ich nach einiger Zeit in der Lage relativ sicher, kastrierte Hunde von unkastrierten zu unterscheiden. Mag Zufall gewesen sein, vielleicht aber auch nicht. Die kastrierten Hunde zeigten sich anders im Spielverhalten, in der Kommunikation und wurden auch oft von ihren Artgenossen anders „behandelt“. Ich verweise dabei auch gerne auf unsere mittlerweile verstorbene Malinois-Hündin, die mit unkastrierten Rüden durchaus spielte, der kastrierte Rüde hingegen wurde nicht nur ignoriert, sondern im Zweifel auch verjagt und in keinster Weise toleriert. Sie hat da so offensichtlich einen Unterschied gemacht, dass es schon fast beängstigend in dieser Klarheit war. Kastraten waren nicht akzeptabel.

Ganz besonders schön finde ich auch die emotionale Ebene bei (meistens) Männern. Abgesehen davon, dass ich es wirklich nicht besonders toll finde, meine Hündin oder meinen Rüden ohne Not operieren zu lassen, bin ich immer wieder platt, wie Männer auf die Kastration eines Rüden reagieren. Man könnte glauben, sie würden allesamt mit kastriert. Wenn es nicht aufzeigen würde, wie wenig rational das Thema teilweise behandelt wird, könnte ich auch herzlich lachen.

Was aber defacto so ist:

Eine Kastration löst keine Erziehungsprobleme! Tut es einfach nicht! Erzählt ihnen das ihr Trainer/ihre Trainerin oder ihr Tierarzt? Wenn ja, schade drum. Oft wird der Weg des geringsten Widerstandes gesucht. Die Hoffnung, dass der kastrierte Rüde wie durch Wunderhand auf einmal hört, keine anderen Rüden mehr anstänkert und sich auch von dem kleinsten anwesenden Zwergpinscher poppen läßt, können wir in den Bereich der Märchen verschieben.

„Entsprechende Verhaltensmuster sind daher schon im frühen Welpenalter zu beobachten und relativ unabhängig von der später einsetzenden Hormonproduktion der Hoden. Viel entscheidender bei Rangordnungsproblemen zwischen Hund und Halter sind die Fehler, die der Mensch in vielen Fällen von Anfang an im Umgang mit dem Hund macht. Um solche Probleme zu beseitigen, bedarf es immer einer sorgfältig auf den Einzelfall zugeschnittenen Verhaltenstherapie. Nur bei einem kleineren Teil der Rangordnungsproblemfälle ist die Kastration als unterstützende Maßnahme notwendig und sinnvoll.“

Zitat
Kastration als Lösung von Verhaltensproblemen beim Rüden?
von Dr. Christiane Quandt, verhaltenstherapeutisch arbeitende Tierärztin, Fredersdorf bei Berlin

Ein kastrierter Hund hat auf jeden Fall eine veränderte Stoffwechsllage und neigt dazu, sein Futter besser zu verwerten. Das er aber deshalb ruhiger würde steht da nicht bei. Er wird vielleicht dicker und dann ruhiger.

Wobei, auch dies können wir nicht bestätigen. Beide kastrierten Hündinnen sind superschlank, fressen gerne und viel und nehmen nicht zu. Wir müssen nicht auf die Futtermengen achten, höchstens dabei, dass sie genug bekommen und nicht abnehmen. Warum auch immer das so ist, wir wissen es nicht.

Keine unserer Hündinnen hatte bisher jemals mit Krebs zu tun, wir wollen hoffen, dass das so bleibt. Nach der Kastration hatten wir bisher auch nie Probleme mit Inkontinenz. Vielleicht hatten wir Glück oder gute Operateure. Was sich deutlich verändert hat, war und ist die Fellqualität. Das Fell wird weicher und wolliger, die Hunde haaren allesamt viel mehr und die Unterwolle nimmt überdurchschnitllich zu, was bei einer Hündin auch zu vermehrtem Juckreiz geführt hat. Bei dieser Hündin können wir aber auch beobachten, dass sie durch die Folgen der Läufigkeit früher immer etwas sehr mitgenommen, dies jetzt nicht mehr hat und sie einfach in sich stabil ist.

Mein Fazit ist: Ich lasse meine Hunde nur kastrieren, wenn es unumgänglich ist, also es eine gesundheitliche Indikation vorliegt. Vorher lasse ich meinen Hunden immer die Zeit ihre Entwicklung, auch ihre Themen zu erleben, erwachsen zu werden und ihr Wesen auszuprägen. Würde es in jungen Jahren massive Gründe für eine Kastration geben (z.B. starke Scheinträchtigkeiten, Gebärmutterentzündungen, schnell wieder kehrende Läufigkeiten bei denen der Körper und die Psyche der Hündin keine Möglichkeit hat, sich zu regenerieren) würde ich dies mit einem Arzt meines Vertrauens besprechen und abwägen.

Kastration – fahrlässige oder vorsätzliche Körperverletzung

Ich würde nie einen Hund aus eigener Bequemlichkeit kastrieren lassen, seien es etwaige Erziehungsprobleme, die man abstellen möchte oder die blutende Hündin, die mehr Arbeit macht. Dies ist für mich eher ein Indiz, so hart das jetzt klingt, dass diese Hunde eben mitlaufen und funktionieren sollen/müssen, es wird versucht, sie zu deckeln, damit man nicht so viel Zeit in Erziehung oder Pflege investieren muss. Die Hunde, die aus gesundheitlichen Gründen kastriert werden müssen, diese Zahl ist, glücklicherweise im Verhältnis dazu sehr klein.

Was ich immer sage, wenn mich jemand um Rat fragt: Du weißt, was du hast, du weißt nicht, was du bekommst! Ist der Hund kastriert, ist es unumkehrbar.

Die gesundheitlichen Folgen und Vorteile kann man in dem nachstehend verlinkten, für mich zur Zeit einer der lesenswertesten, Artikel nochmals nachlesen.

Die Kastration beim Hund – Ein Paradigmenwechsel

Um den netten Doktor zu zitieren: Bleiben Sie uns gewogen (mag ich sehr) und halten Sie durch (beim Lesen).